Verbundpflaster für historisch geprägten Stadtraum
Um die Attraktivität von Stadträumen zu steigern, verfolgen Planer häufig das Ziel, öffentliche Plätze umzugestalten und ihnen im Zuge dessen auch ihre historische Funktion zurückzugeben. Ein Beispiel hierfür ist die Sanierung des Lindenplatzes in der Kurstadt Bad Wimpfen im Landkreis Heilbronn. Der Platz im ältesten Stadtteil „Im Tal“ der rund 7.700 Einwohner zählenden Stadt ist ein Ort mit sehr alter Geschichte. So war er Standort einer römischen Siedlung mit Kastell, auf dessen Areal im Mittelalter die Ritterstiftskirche St. Peter im Tal errichtet wurde. Auf dem Vorplatz hat sich hier – an der Wegekreuzung wichtiger mittelalterlicher Handelswege – einer der ältesten Märkte im deutschsprachigen Raum entwickelt. Schon in der Vergangenheit war der "Lindenplatz" dabei intensiv mit Bäumen bepflanzt und ursprünglich war die Platzfläche nur in den Randbereichen mit Natursteinpflaster befestigt. Dieser Gestaltungsansatz wurde in die Planungen zur Neugestaltung aufgenommen; mit hochwertigen Natursteinbelägen, in Kombination mit wassergebundenen Belägen. Aus Kostengründen wurde in der Realisierung jedoch ein Wechsel der Belagsmaterialien auf ein Betonpflastersystem mit natürlicher Anmutung und robustem Verlegeverband vorgenommen.
Mit Blick auf den zuletzt sehr monofunktionalen, überwiegend als Parkierungsfläche genutzten Lindenplatz, galt es den Platz- und Erschließungsraum zu einem vielfältig nutzbaren öffentlichen Raum zu entwickeln, der dabei auch die Anforderungen aus der Nutzung des jährlichen Talmarkts abzudecken weiß. Dipl.-Ing. Ruprecht Neulinger von der ZOLL Architekten Stadtplaner GmbH zu den Zielen der Maßnahme: „Die Neugestaltung sieht sich im Spannungsfeld zwischen dem historischen Erbe und einer zeitgenössischen Ausstattung des Platzraumes. Die notwendigen Verkehrsflächen wurden auf das Notwendigste reduziert, um Raum und Aufenthaltsqualität zu schaffen für die Bewohner und Besucher Bad Wimpfens sowie für das städtische Leben. Der historische Platzbereich entwickelt sich zu einem begrünten, resilienten und zukunftsfähigen Stadtplatz mit flexibler Nutzbarkeit. Das gestalterische Konzept beruht auf der Sichtbarmachung verborgener geschichtlicher Strukturen. Bezüge werden teils geometrisch durch belagsgliedernde Bänderungen wie z.B. im Muster der "römische Verband" oder vermutete Begrenzungen der Abmessungen der historischen Schichtungen erkennbar. Wichtige Blickachsen und Verbindungen blieben dabei sichtbar. Die unregelmäßige Anordnung von Baumgruppen und Ausstattungselemente schaffen attraktive Zwischenräume. Die Freistellung der Blickbeziehung zur Stiftskirche gelingt durch den reduzierten Baumbestand auf der steinernen Platzfläche. So entstand ein vielfältig bespielbarer offener, aber robuster Stadtraum, dessen historisches Alleinstellungsmerkmal gewahrt bleibt“, so Neulinger.
Cityblock-Pflaster mit changierender, kugelgestrahlter Oberfläche
Während im westlichen Bereich des Areals zumeist wassergebundene Wegedecken als Gestaltungselement realisiert wurden, entschieden sich die Planer für die etwas stärker belasteten und neu zu befestigenden Flächen im Umfang von ca. 4.800 m² für das Cityblock-Pflaster vom Betonwerk Adolf Blatt aus Kirchheim am Neckar. Hierzu Ruprecht Neulinger: „Mit diesem System konnten wir bereits bei anderen Maßnahmen sehr positive Erfahrungen sammeln. Zum einen bietet es mit seiner gelblich-grau changierenden, kugelgestrahlten Oberfläche Meliero-Aruba eine überzeugende dezent und natürlich wirkende Farbgebung und Textur, auch in Kombination zu den Platzflächen mit wassergebundenen Wegedecken. Zum anderen verfügt es über einen überzeugenden stabilen Verband auch für ungerichtete Platzflächen.“ Verantwortlich hierfür ist ein ausgeklügeltes patentiertes Verzahnungssystem, das dazu beiträgt, dass das Cityblock-Pflaster auch höheren Verkehrsbelastungen gewachsen ist. Die zur regelmäßigen Aufnahme von Verkehrsbelastungen notwendige Fuge mit einer Breite von 5 mm wird hierbei systembedingt stets eingehalten. Mit Hilfe der Abstandshalter ist eine kraftschlüssige Verbindung der Steine gewährleistet. Somit bieten diese einen dauerhaften Schutz gegen Verschiebungen innerhalb der Fläche.
Patentiertes Verzahnungssystem sorgt für stabile Flächen
Verlegt wurde das Pflastersystem in den Formaten 30 x 20 und 20 x 20 cm mit einer Stärke von 14 bzw. 10 cm. Damit ist es auch den sehr hohen Anforderungen der Belastungsklasse Bk3,2/RStO 12 gewachsen. Der Lindenplatz wird das ganze Jahr über auch von schwereren Lieferfahrzeugen befahren. Besonders belastet wird der Platz zum jährlich stattfindenden „Talmarkt“ – einem der ältesten Volksfeste in Deutschland. Über 6 Tage wird hier dann in Verbindung mit einem Krämermarkt gefeiert. Ruprecht Neulinger fährt fort: „Dank des Verzahnungssystems ist das Cityblock-Pflaster sehr gut für derartige Verkehrsbelastungen geeignet. Statische und dynamische Lasten werden in gewissem Umfang über die Fuge auf die Fläche verteilt. Auch die Rangierbewegungen der schwereren Fahrzeuge, die insbesondere beim Auf- und Abbau des Marktes zum Einsatz kommen, sollten nicht zu Schäden in der Pflasterfläche führen.“
Rechtzeitig zur Eröffnung des 1061. Wimpfener Talmarktes am 25.6.2026 wurde die Maßnahme fertiggestellt. Um den gewünschten historischen Bezug des Platzes herzustellen, haben sich die Planer eine Raffinesse einfallen lassen: Auf dem zentralen Platzbereich wurde in das Verlegemuster eine "Zeichnung" des römischen Verbandes als historische Reminiszenz eingearbeitet.




